2.

By Georg Heym

Written 1899-01-01 - 1899-01-01

Hoch wo das Dunkel seine Schatten türmt

Durch Ewigkeiten fern vom Grund der Qual,

Hoch oben, wo im Dom der Regen stürmt,

Erscheint des Gottes Haupt, wie Morgen fahl.

Die weiten Kirchen füllt der Sphären Traum

Voll Schweigen, das wie leise Harfen klingt,

Da, wie der Mond vom großen Himmelsraum,

Des Gottes weißes Haupt heruntersinkt.

Tretet heran. Sein Mund ist süß wie Frucht,

Sein Blut ist, wie der Wein, langsam und schwer.

Auf seiner Lippen dunkelroter Bucht

Wiegt blaue Glut von fernem Sommermeer.

Tretet heran. Wie Flaum von Faltern zart,

Wie eines jungen Sternes goldne Nacht,

Zittert sein Mund, in seinem goldnen Bart,

Wie Chrysolith in einem tiefen Schacht.

Tretet heran. Wie einer Schlange Haut

So kühl ist er, weich wie ein Purpurkleid,

Wie Abendrot so sanft, das übergraut

Brennender Liebe wildes Herzeleid.

Der Gram gefallner Engel ruht, ein Traum,

Auf seiner Stirn, der Qualen weißem Thron,

Wie Schläfer traurig, denen floh zum Saum

Des blassen Morgens ihre Vision.

Tiefer als tausend leere Himmel tief

Ist seine Schwermut, wie die Hölle schön,

Wo in den roten Abgrund sich verlief

Ein bleicher Sonnenstrahl aus Mittagshöhn.

Sein Leid ist wie ein Leuchter in der Nacht,

Schauet die Flamme, die sein Haupt umloht,

Und doppelhörnig in der düstren Pracht

Aus seinem Lockenwald ins Dunkel droht.

Sein Leid ist wie ein Teppich, drauf die Schrift

Der Kabbalisten brennt durch Dunkelheit,

Ein Eiland, dem ‘vorbei‚ ein Segler schifft,

Wenn in den Bergen fern das Einhorn schreit.

Sein Leib trägt eines Schattenwaldes Duft,

Wo großer Sümpfe Trauervögel ziehn,

Ein König, der durch seiner Ahnen Gruft

Nachdenklich geht in weißem Hermelin.

Tretet heran, entflammt von seinem Gram.

Trinkt seinen Atem, der so kühl wie Eis,

Der über tausend Paradiese kam,

Voll Duft, der jeden Kummer weiß.

Er lächelt, seht. Und eurer Seele Bild

Wird wie ein Weiher, der im Schilfe schweigt,

Wo leis des Hirtengottes Flöte schwillt,

Der durch die Lorbeerschlucht heruntersteigt.

Schlaft ein. Die Nacht, die schwarz im Dome hängt,

Verlöscht die Lampen an dem Hochaltar.

Der große Adler seines Schweigens senkt

Auf eure Stirn sein dunkles Schwingenpaar.

Schlaft, schlaft. Des Gottes dunkler Mund, er streift

Euch herbstlich kühl, wie kalter Gräber Wind,

Darauf des falschen Kusses Blume reift,

Wie Mehltau giftig, gelb wie Hyazinth.