6.

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Was mag doch ärger sein?

Ist woll ein grösser schmertz:

Als in so schweren banden

In kärcker stock vndt pein

In schmach' vndt herben schanden

Ausädern leib vndt hertz?

Ich kan die armen kaum in diesen fesseln regen!

Die glieder starren mir

Das müde fleisch erstirbt: ich kan mich nicht bewegen

Der fuß ist für vndt für

In dieser ketten fest

Weill mich mein Gott verläst.

Der tag der süsse tag

Entsetzt sich selbst für mir.

Die Sonn' ist hier nicht helle

Sie schewet meine klag.

Der monden fleucht die stelle.

Die stette nacht hatt ihr

Dis dunckel-grause loch zum wohnhaus auserkohren

Der leichen-faule stanck

Hatt mich schier gantz erstöckt ich bin ich bin verlohren.

Mein leib vnd seel ist kranck!

Ach! ach! mir wird so bang!

Wo bleibet Gott so lang.

Mich (dem die grosse welt vorhin zue enge war)

Hät dieses enge grab verrigelt

Ich bin in dieser klufft versiegelt

Vndt fest verstrickt in angst in wehmutt vnd gefahr.

Wo ist die güldne zeit gebliben

Da ich mitt freyem munde sang?

Da meiner süssen seiten klang

Sich in des höchsten lob must üben.

Ach wie hatt alles sich verkehret

Wie hefftig hatt mich Gott beschweret.

Dv dreymall Höchster heldt

Der du manch' harttes schlos

Woll ehermal zubrochen;

Dem der zue fusse fält

Den deine gunst vom pochen

Des feindes frey vndt los

Vnd ledig hatt gemacht; ach wende dein gemütte

Auff dieses jammer haus!

Reis meine band' entzwei O abgrundt höchster gütte.

Erschein' vndt laß mich aus!

Kom ewig-trewer Gott

Vndt wende meine noth!

Die seele der du hast

Offt beystandt zuegesagt

In die du dich verliebet

Die träget diese last

Die ist die so betrübet

Dir ihre banden klagt

Es ist dein trawtes kindt Herr das dein feindt verwachet

Das seine freyheit sucht.

Es ist dein kindt das man so hönisch itzt verlachet.

Dem man so hündisch flucht.

Dein kindt hertzlibster Gott!

Ist frembder spiell vndt spott.

Ich wundtsche frey zue sein nur das ich meine zeit

In deinem dinste moge schlissen!

Herr wen du dis mein netz zurissen!

Will ich dein hohes lob vermehren weitt vndt breitt.

Dein nahme soll in meinem munde

Dein ruhm in meinen lippẽ blühn

Vnd wen ich mus von hinnen zihn;

Sey dis das werck der letzten stunde.

Vndt wen ich werd' auffs newe lebẽ:

Will ich von deinem lob an heben.